Haben ist besser als brauchen

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Meine lieben Freunde des gepflegten Wahnsinns; das Mysterium der häufig unverhältnismäßigen Zunahme einer vorhandenen Masse wurde schon in der Bibel beschrieben, so alt ist es. Denn im heiligsten aller heiligen Bücher heißt es tatsächlich ganz freundlich und einprägsam "Wer hat, dem wird gegeben" (Matthäus 13,12 und 25,29). Das kann man unfair finden oder auch nicht, aber vor allem kann man es oft genug an sich selber beobachten. Wer beispielsweise Besitzer eines Gartens ist, der weiß, dass einem unter anderem der pestilenzartig wachsende Kirschlorbeer eine beständige Arbeit beschert und das ist noch wohlwollend ausgedrückt. Oder wenn man in der kalten Jahreszeit auf den lustigen Gedanken kommt, den Innenhof als offenen Kühlschrank zu benutzen. Da hat man dann nicht nur wunderbar frische Lebensmittel, sondern man bekommt zusätzlich noch neue Mitbewohner geschenkt und das finde ich sehr bemerkenswert. Wie konnte ich daher nur glauben, ich wäre mutterseelenalleine? Um mich herum ist doch ein ganzes Universum in Bewegung, da brauche ich mir doch gar keine Sorgen zu machen. Und da ich zudem auch noch einen ausgezeichneten Schnaps im Haus habe, muss ich mich um die dazugehörigen Kopfschmerzen ebenfalls nicht kümmern (denn die kommen dann auch ohne besondere Einladung). Wer hat, dem wird also gegeben; man kennt das ja.
Deshalb hat man im Norden derzeit nicht nur diese wirklich formschönen Eisberge auf der Elbe, sondern man bekam erfreulicherweise auch noch unglaublich spektakuläre, farbenfrohe Polarlichter dazu - wie schön ist das denn? Ich wünschte, ich wäre dabei gewesen. Die bunten Lichter wurden sogar in Bayern gesichtet, nur bei uns war wieder mal nichts von alledem zu sehen. Kein Eis, kein Licht, keinen Gesprächspartner - da habe ich mir doch direkt mal eine heftige Antriebslosigkeit eingehandelt. Und die hat mir dann sogar noch zusätzliche Depressionen beschert, daher fühle ich mich derzeit tatsächlich wie eine steinreiche Frau. Der Teufel scheißt halt immer auf den dicksten Haufen, das ist schließlich nichts Neues. Wer unter Appetitlosigkeit leidet, der bekommt aufgrund ungünstiger Ernährung gerne noch ein miserables Hautbild dazu und wen der Schlafmangel plagt, der braucht sich um seine Augenringe auch nicht allzu sehr zu sorgen. Oder ein schlecht gewartetes Haus etwa - viel feuchte, kalte Luft zieht sofort unschönen Schimmel nach sich, auch da braucht man also keinen Mangel zu befürchten. Man könnte unsere kleine Aufzählung vermutlich noch ewig fortsetzen, jedoch ist auch im Fall der diesbezüglichen Motivation die Kurve* bereits in kürzester Zeit exponentiell gestiegen. *Bei dieser handelt es sich natürlich um die legendäre und oft zitierte "Was-mache-ich-hier-eigentlich-und-warum-tue-ich-das-Kurve"(®), die mit der gefürchteten Südkurve im Stadion nicht besonders viel gemeinsam hat. Ein bisschen abgerockt vielleicht, was mich zu einem Thema führt, welchem ich meine momentan etwas gedrückte Stimmung teilweise zu verdanken habe. Es regt mich nämlich immer sehr auf, wenn ich die verwüsteten Objekte in den allseits beliebten Lost-Place-Videos sehe und aufgrund eigener Erfahrungen mit schweren Krankheiten sehe ich auch mein eigenes Leben derzeit wie in einem unaufhaltsamen Verfall. Nicht umsonst fühle ich mich in meinem Häuslein oft wie an einem verlorenen Ort und es kostet mich jeweils unendlich viel Kraft, die Fassung zu bewahren (und es allen Widerständen zum Trotz irgendwie wohnlich zu erhalten).
Mir wurde zum Glück die Gabe der Reflektion in die Wiege gelegt und ich habe schon als Kind dazu geneigt, mir das schwere Leben anderer Menschen (z.B. die armen Einwohner Afrikas) als Indikator dafür zu nehmen, dass es mir im Vergleich mit diesen ja doch irgendwie immer noch ein kleines bisschen besser geht. Sich etwas schön reden nennt man das oder einfacher gesagt, es ist nur schlichter Zweckoptimismus. Das kann sogar für eine Weile ganz nützlich sein, als Lebenskonzept taugt es jedoch nicht. Zumindest nicht bei wachstumsorientierten Menschen, Stichwort Resignation. Ich habe schließlich mittlerweile eine ziemlich anstrengende Evolution hinter mir und daher ist es mir derzeit streckenweise etwas langweilig (wenn ich das mal so sagen darf). Mir ging nämlich leider im Laufe meiner Entwicklung der Glaube an die allgemeine Sinnhaftigkeit in ihrer Gänze verloren, daher leide ich derzeit wesentlich mehr, als es nach außen hin wirken mag. Vielleicht kaspere ich mich deshalb momentan vermehrt durchs Leben, denn man kennt es ja schon länger: Je mehr du jammerst und klagst, desto unattraktiver wirst du und das will ich nun mal nicht. In Wahrheit befinde ich mich jedoch zur Zeit in einer Phase, in der ich nur noch heulen könnte und wenn einer seine ewigen Selbstgespräche leid hat, dann bin ich das.

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Bläck Fööss - Indianer kriesche nit