Erwachsenenbildung

Das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln.

Hot Chocolate - You sexy thing

Als ich geboren wurde, stellte sich heraus, dass ich es leider nur zu einem Mädchen gebracht hatte. Um meinem Vater diesen Umstand nicht ganz so bedrückend zu gestalten, lernte ich daher schon früh zu denken und zu handeln wie ein Junge. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, da meine Mutter für die Erledigung aller Hausarbeiten ein Mädchen natürlich viel besser gebrauchen konnte. Es ist deshalb kaum verwunderlich, dass ich einerseits in meinem Verhalten lange Zeit der unterwürfigen Komponente entsprechen musste und andererseits viele Verhaltensweisen von meinen zumeist männlichen Freunden übernommen hatte. Denn es war für mich schon immer viel schöner, mich unter Jungs zu befinden, da der Umgang mit diesen sich als unkomplizierter erwies. Wir ließen nämlich damals nicht nur gemeinsam das Bier im Becher kreisen, sondern wir interessierten uns auch sehr für ausgefallene Flaschenöffner. Meine Eltern waren darüber allerdings weniger glücklich.

Auch Würfelspiele standen bei uns damals hoch im Kurs, was mir eine weitere, fette Rüge der Altvorderen einbrachte. Diese waren nämlich mit meinen handverlesenen und liebevoll ausgesuchten Schmuckstücken der künstlerischen Holzverarbeitung ebenfalls nicht sonderlich einverstanden und das brachten sie ziemlich lautstark zum Ausdruck.

Um mir die Flausen auszutreiben, schickte man mich daher zu einer zwar überaus ehrenwerten, aber leider auch sehr altjüngferlichen Aushilfs-Gouvernante. Diese sollte mir damals also zu ein wenig Schliff verhelfen, um mich so wieder in die richtige Spur zu bringen. Weil ich jedoch von vornherein stark ambivalent gehalten wurde, ist dieses Unterfangen zwar einerseits ganz gut geglückt, aber andererseits auch wieder nicht.

Da meine körperliche Gesundheit nicht nur mir selber dient, sondern auch der Gesellschaft sehr nützlich ist, überredete man mich später zur Erweiterung meines Speiseplans um ein paar fruchtige Komponenten. Nachdem meine Mutter jedoch erkennen musste, welcher Fokus auch hier in den von mir bevorzugten Ostsorten lag, wurde leider erneut eine ihrer langanhaltenden Tiraden fällig.

Ein aus Angst um den guten Ruf der Familie hinzugezogener Fachmann für eskalierende Jugendliche gab meinen Eltern schließlich den dringenden Rat, mir ein Fahrrad zu kaufen. Auf diese Weise sollte es mir dann nämlich möglich sein, ein wenig überschüssige Energie zu verpulvern. Seitdem ich jedoch das große Pech hatte, in einen wirklich ungünstigen Zusammenstoß verwickelt zu werden, war mir die Freude an diesem an und für sich schönen Fortbewegungsmittel leider restlos und für alle Zeiten vergangen.

Um meinen guten Willen unter Beweis zu stellen, suchte ich mir dann erst selber Hilfe (ich habe aber keine gefunden) und wandte mich später mit großem Interesse den bildenden Künsten zu. Möglicherweise war ich jedoch auch dort ein bisschen zu ambitioniert, daher habe ich mich letztendlich in das intensive Studium des geschriebenen Wortes geflüchtet. Und ich muss sagen, seit dem ich mich gut und günstig in der Erwachsenenbildung etablieren konnte, ist nun endlich Ruhe im Karton. Das könnte jedoch auch damit zu tun haben, dass meine Eltern mittlerweile seit geraumer Zeit schon etwas mehr als tot sind und zwar inzwischen alle beide. 

Die Wurzeln der Bildung sind bitter, ihre Früchte aber sind süß.

(Aristoteles)