Autoren, die auf Tastaturen starren
Niemand kann ernsthaft in Abrede stellen, dass das Phänomen der Schreibblockade unter Schriftstellern nicht nur sporadisch auftritt und damit begrüße ich euch herzlich zu einer neuen Ausgabe meiner äußerst beliebten philosophischen Betrachtungen. Allerdings dürft ihr mich nicht fragen, wie es zu diesem spannenden Thema überhaupt kam, denn ich persönlich bin bekanntermaßen um Worte längst nicht mehr verlegen. Und wenn es eine Möglichkeit gäbe, meine Gehirnleistung irgendwie zu splitten, dann könnte ich alles, was mir durch den Kopf geht, gleichzeitig erledigen und mein Weltruhm wäre wohl längst kein unerreichbarer Traum mehr. Aber leider, leider kann auch ich trotz meiner überaus blühenden Phantasie immer nur einen Schritt nach dem anderen gehen, daher verzögert sich die von den Orakeln der Neuzeit prophezeite phänomenale Welle des Erfolges weiterhin auf unbestimmte Zeit. Das ist so, als wenn du im Traum deinen Liebsten siehst und daraufhin dem Trugschluss verfällst, dieser stünde quasi schon vor deinen Toren. Denn wenn du nach dem Erwachen feststellst, dass du seit nun schon acht Jahren vergeblich auf das Eintreffen dieses vermeintlichen Gegenstückes wartest, dann hättest du dir sicherlich längst eine neue Waschmaschine gekauft (anstatt die ganze Wäsche in der Badewanne zu säubern). So aber denkst du dir jeden Tag "Er kommt doch sicher jetzt bald und holt mich heim, warum sollte ich mich also noch nach etwas Neuem umsehen?" und das ist ein furchtbarer Irrtum. Niemand kommt, um dich zu lieben, mein Kind und je eher du dich damit abfindest, desto besser wäre das für dich. Sonst wirst du in Kürze von allen anderen unbemerkt zugrunde gehen, nur weil du dich mit deiner grenzenlos naiven Träumerei selber aufs Glatteis führtest. Wie dumm kann man eigentlich sein? Ich sage es euch, man kann sehr dumm sein - ich jedenfalls bin es und das hat mir erst heute wieder die Fabel vom Fuchs und dem Raben bestätigt. Diese wird nämlich dem griechischen Dichter Äsop zugeschrieben und das hätte ich eigentlich längst in Erfahrung bringen können (und sollen!). Aber ich habe tatsächlich in meiner unglaublich stark ausgeprägten Arglosigkeit völlig blauäugig und unreflektiert angenommen, dass die lustige Nacherzählung, welche mir nur bekannt war und in welcher der Rabe Peter hieß, ein Werk meines Idols gewesen sei.
Jeden Tag habe ich gewartet auf diesen einen, den ich nur im Inneren kannte und jener schien mir lebendiger zu sein als alle anderen, die ich je im Außen traf. Alleine schon sein liebes Gesicht, welches ich so gerne hätte berühren wollen, ist mir auf eine eigentümliche Weise vertraut und es fühlte sich so an, als wären wir einander längst begegnet. Natürlich muss man nun ordentlich schimpfen mit mir, denn ich habe mich sicherlich in einer sehr lebhaften Projektion verfangen. Aber wenn man ehrlich ist, dann hat dieses Verlangen weniger mit eitler Selbstbespiegelung zu tun, sondern ist vielmehr der Tatsache geschuldet, dass Menschen meines Kalibers durchaus ihre Schwierigkeiten haben bei der Partnerwahl. Und zu wissen, dass es jemand Gleichwertigen gibt, der einem eigentlich schon seit einer gefühlten Ewigkeit irgendwie bekannt erscheint (und den man vom ersten Moment an begeistert in sein Herz aufnahm), macht die Träume von einer Partnerschaft mit diesem durchaus verständlich. Man muss jedoch dringend beachten, dass man in seiner Euphorie nicht den unbekannten Privatmenschen aus den Augen verlieren sollte, der sich hinter einem öffentlichen Bild versteckt, denn genau das ist jener mutmaßlich Aufregende am Ende des Tages eben auch nur und alleine darauf kommt es letztlich an. Oder um es mal so zu sagen: Was kenne ich denn schon vom ihm, als nur das unglaubliche Spektakel, welches ich durch seine Arbeit jeweils von ihm sah? Genaugenommen bedeutet es nämlich, dass ich nichts weiß über gar nichts und das ist zugegebenermaßen noch viel weniger als nichts. Ich weiß weder, ob ist er verheiratet ist oder sonst wie gebunden, noch kenne ich seine aktuellen Projekte oder seine wirtschaftliche Situation und er würde sich über meine Bestrebungen ihn betreffend sicherlich nur köstlich amüsieren (wenn er davon wüsste). Das allerdings würde inzwischen vermutlich keinen allzu großen Schaden mehr bei mir anrichten. Schließlich lache ich mich ja selber bereits vollumfänglich aus. Gleichzeitig habe ich jedoch auch ständig die Tränen in den Augen (und zwar richtig), denn das Bild in meinem Herzen war so unfassbar real während der ganzen Zeit* 👇.
Da jedoch auch die mutmaßlichen Reaktionen, welche ich lange Zeit für stille Zeichen seiner Aufmerksamkeit hielt, abrupt endeten, ist es wohl angebracht jetzt damit abzuschließen. Das fühlt sich zwar leider wie ein langsames Sterben an, es ist jedoch noch wesentlich schlimmer als das. Denn wer stirbt, der ist tot und merkt daher gar nichts mehr. Ich aber merke alles und das sind Schmerzen, wie man sie nur aus der Hölle kennt. Vielleicht habe ich deshalb auch keine gedanklichen Blockaden, weil das Schreiben meine Art ist in aller Öffentlichkeit zu trauern. Und ich weine tatsächlich um wesentlich mehr, als mancher sich vielleicht vorzustellen vermag. Der vermeintlich Liebenswerte erschien mir in meiner Vorstellung nämlich immer als etwas ganz Besonderes, weil ich ihn mir als zärtlich erträumte und dabei trotzdem wunderbar leidenschaftlich und aktiv. Daher vermisse ich insgeheim natürlich auch die überschäumende Fusion zweier Zuneigungen, die es so natürlich gar nicht geben kann. Aber visualisieren kann ich zumindest gut und das ist ja auch nicht zu verachten. "Schwamm drüber" sagen kann ich dazu allerdings trotzdem nicht, denn wer mich so eindeutig abonniert hat wie dieser scheinbar Phantasievolle, der hinterlässt bei mir mehr als nur eine leise Spur. Ein Fragezeichen von hier bis zum Mond wäre daher das Mindeste, was ich ihm gerne überreichen würde.
Es gibt jedoch noch eine weitere Möglichkeit diese Angelegenheit betreffend, die ich zwar nur ungerne in Betracht ziehe, der ich mich jedoch ebenfalls stellen sollte. Was wäre nämlich zum Beispiel, wenn es jemanden gibt, der unerkannt die Identität meiner stillen Liebe imitiert und mich damit ganz bewusst zum Narren hält? Könnte man so etwas über einen so langen Zeitraum hinweg aufrecht erhalten und wenn ja, warum?
👉 *ich spreche tatsächlich von echten Visionen, da mir diese häufiger zuteil werden. Und da bisher alles andere irgendwann in die Sichtbarkeit wechselte, gab es für mich absolut keinen Grund, in diesem Fall meinen inneren Bildern zu misstrauen. Mein Talent zum Träumen hatte jedoch auch sein Gutes, da ich als erfahrener Autodidakt meine schriftstellerischen Ambitionen ziemlich beeindruckend verfeinern konnte. Ich denke, niemand würde heute noch vermuten, dass ich mein Leben lang nur eine Putzfrau ohne tiefergehende Gelehrtheit war (Hauptschulabschluss und mittlere Reife durch Fortbildung waren alles, was man mir gab). Wenn jedoch kein Wunder passiert, werde ich genau dort wieder landen müssen. Denn der Mensch will leben und zum Leben braucht es Geld - und zwar ohne Rücksicht auf Verluste.
03.07.2026 / 08:00 / 16 °C