20. Logbucheintrag vom Kollektiv (a.V.d.C.*) auf der Explorer One

Veröffentlicht am 7. Juli 2026 um 12:34

*als Vertretung des Captains

Sternzeit: Unbekannt / Koordinaten: Nebulös / Zustand: Chaos / Technik: On-Off / Notstrom: Stabil

Freunde, das sympathische Kollektiv steckt derzeit in gewissen Schwierigkeiten, daher verfassen wir die heutige Lagemeldung in zwanglosen Blöcken und versuchen, unser mentales Gleichgewicht zu wahren. Man wird sicherlich bereits bemerkt haben, dass sich die Verantwortlichkeiten auf unserem unerreicht schönen Raumschiff derzeit etwas verschoben haben. Dies geschah jedoch in Absprache mit unserem Captain und hatte sich ja auch schon seit einiger Zeit abgezeichnet. Wir haben also unsere liebe Sheedy in ihrer Regeneration belassen und sind ohne sie weitergezogen. Jeder erfahrene Sternenreisende weiß schließlich, dass auch das beste Fortbewegungsmittel nur so lange in brauchbarem Zustand bleibt, wie es eingesetzt wird. Da wir zudem für unseren Fahrtenschreiber dringend wieder eine vorgeschrieben Anzahl von Kilometern schrubben müssen, sind wir nun auf dem Weg in den Chromatischen Quadranten. Dort wollen wir die Vertretung für den Captain abholen und gleichzeitig unseren Commander Schneider in den (vorübergehenden) Innendienst entlassen. Diese Maßnahme ist leider absolut nötig, da sich das tapfere Schneiderlein aktuell mental nicht so ganz auf der Höhe befindet und er zudem auch selber bereits darum gebeten hatte.

Wir werden nun also den sehr erfahrenen Don Amadeo Rustico in die Leitung unseres Schiffes übernehmen und das löst bei einigen hier an Bord ein gewisses Unbehagen aus. Als Repräsentant der alten Schule inszeniert sich der Don nämlich gerne in betont jovialer Weise, aber dieser Eindruck täuscht und zwar gewaltig! Denn während er hier noch mit dir scherzt und lacht, hat er dir hinterrücks bereits klammheimlich das Gehalt um 15% gekürzt und die Schlafenszeit wurde kurzerhand um zwei Stunden vorverlegt. Zudem kann bereits jetzt schon davon ausgegangen werden, dass unter der Leitung vom Don der große Zapfenstreich* aus dem Programm genommen wird, da der alte Haudegen - der sich weder mit Metaphern, Allegorien oder sonstigen Gleichnissen auskennt und dem auch Ironie und Satire völlig fremd sein müssen -  dies als ruchlosen, unanständigen Schmuddelkram empfindet und er so etwas daher unter seiner Ägide niemals dulden wird. Falls also welche aus unserer lieben Sternencrew in der näheren Zeit geplant hatten, aufgrund experimenteller Gründen mittels Achszapfen und Längsachse neue Formationsmöglichkeiten der tiefsinnigeren Kollision zu kartieren, dann sollten diejenigen sich besser mal ranhalten. Mit anderen Worten: Tobt euch aus, liebe Liebende - der Don ist nämlich in Wahrheit lediglich ein getarnt-verklemmter Spießer, dessen liberale Toleranz nur auf dem Papier stattfindet (und die er zudem durch verdeckte Observationen und perfekt verschleierte Horchmanöver immer wieder erfolgreich konterkariert).

Zu guter Letzt kommen wir nun zu einem Problem, dessen Auswirkungen wir Eingangs bereits leise anklingen ließen und das hängt mit einer unerwartet auftretenden Anomalie zusammen. Denn so wie es aussieht, touchierten wir auf unserem Weg zu dem anvisierten Knotenpunkt einen der extrem gefürchteten Nebel der grauen Oednis - im Volksmund auch "Das Phlegma" genannt -  und das blieb leider nicht ganz folgenlos. Die Technik spielt nämlich seither ziemlich verrückt und an Bord hat sich eine überaus lähmende Müdigkeit ausgebreitet. Diese liegt jedermann wohlig weich einlullend wie ein atmender Deckel auf uns allen und die Auswirkungen gehen über eine rein schlumpfige Schnarchnasigkeit weit hinaus. Wir sind daher mehr als dankbar, dass es bisher noch niemandem gelungen ist, das Internet um eine olfaktorische Funktion zu erweitern. Denn obwohl es bei uns so einige gibt, die einer ausgeprägten Leidenschaft fürs Kochen frönen, genießen die Faultiere unter uns vor allem die dusch- und badefreie Zeit. Und das ist dann halt eine der Kehrseiten der unerwarteten Stromreduktion, die wir eigentlich niemandem zumuten möchten.

 

*Der Begriff "Zapfenstreich" stammt aus dem 16. Jahrhundert von den Landsknechten. Der sogenannte Profos zog damals mit Musik durch das Lager und schlug mit seinem Stock oder Säbel auf die Zapfen der Bier- und Weinfässer. Dies war das unmissverständliche Zeichen, dass der Ausschank beendet war und die Soldaten sich in ihre Quartiere zur Nachtruhe begeben mussten.