Deinstallation wird vorbereitet

Ich weiß, es geht drunter und drüber. Aber ich habe ja gesagt, es gibt kein Konzept und daran halte ich mich. Ich schreibe einfach auf, was mich jeweils beschäftigt und das ist selten strukturiert. Es gibt jedoch einen roten Faden, den man als dringenden Wunsch nach Ordnung bezeichnen könnte. Und das hat viel mit dem inneren Gepäck zu tun, welches ich lange (unbewusst) mit mir rumgeschleppt habe. Glücklicherweise führte mich meine neugierige Natur immer wieder an die Quellen der Erkenntnis, sodass ich dieses Problem allmählich erkannte und langsam aber sicher dazu in der Lage war, mich mit seiner Lösung zu beschäftigen. Man könnte jetzt viel darüber referieren und die Sache von allen Seiten beleuchten und vielleicht werde ich das zu einem späteren Zeitpunkt auch tun. Aber um den Ungeduldigen unter uns quasi ad hoc ein überaus nützliches Tool zur sofortigen Anwendung an die Hand zu geben, lautet meine erste Empfehlung für diese schwierige Angelegenheit schlicht und einfach "Aufräumen". Ihr mögt nun vielleicht lachen, aber nach meiner Erfahrung kann in einem bedrückten Inneren viel schneller Ruhe einkehren, wenn im Außen Ordnung herrscht. Ist ja auch logisch, denn das Auge isst schließlich mit. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich immer wieder gerne an dieses unglaublich befreiende Gefühl, welches jeweils einkehrte, wenn ein weiterer Stapel meiner absurden Büchersammlung das Haus verlassen hatte. Dass es mit mir in dieser Hinsicht überhaupt erst soweit kommen konnte, versteht sich eigentlich fast von selbst. Das muss man sich nämlich mal vorstellen: Da ist jemand, der sehr gerne liest, aber nie viel Geld für Bücher zur Verfügung hatte. Dieser jemand wurde zudem schon als Kind ständig am Aufbau seiner eigenen Fülle gehindert. Und dann steht dieser jemand plötzlich vor einem Wunder, das sich offener Bücherschrank nennt. Was kommt dabei wohl raus? Und es war tatsächlich so, dass selbst bei der größtmöglichen Entnahme, die ein einzelner Mensch zu leisten in der Lage ist, der Strom der nachfolgenden Bücher in diesen Tagen niemals abriss. Sogar am Straßenrand konnte man sie finden und zwar Kartonweise. Das hat uns tatsächlich so stark zum Sammeln verführt, dass es irgendwann absolut und vollständig eskalierte. Da ich zu dieser Zeit mit meinem inzwischen ja leider verstorbenen Bruder zusammenwohnte und dieser meine Leidenschaft bezüglich des Lesens teilte, konnte man uns zwei Verrückte nämlich damals an allen Schränken der näheren Umgebung finden. Und weil der liebe Tömmes* zu dieser Zeit als Inhaber der Familienwäscherei seine Kunden teils bis in die Eifel hatte, war das dann schon ein etwas größerer Radius. Da kommt dann halt so einiges zusammen. Das müssen tausende gewesen sein, wenn nicht sogar zehntausende. Und das hat in mir mit der Zeit völlig unerwartet das Pendel in die andere Richtung gelenkt. Denn ich fing allmählich damit an, von gewaltigen Bücherlawinen zu träumen, die mich unter sich begraben. Ab da war das Ganze dann allerdings nicht mehr ganz so lustig. Ich war es sozusagen auf einmal unendlich leid und konnte einfach keine Bücher mehr sehen. Wer hätte das je gedacht?
So geht es mir mittlerweile mit vielen Dingen, da ich das Wesen der Fülle inzwischen völlig neu definiere. Mit dem reinen Besitz hat das für mich nämlich nicht mehr halb so viel zu tun, es ist eher das Gegenteil der Fall. Was nützt es mir aber auch, wenn ich beispielsweise einen Haufen schöner Bretter zur späteren, möglichen Verwendung im Schuppen lagere und sie mir dort vom Holzwurm befallen werden oder durch die Feuchtigkeit einen fetten Schimmel ansetzen? Der Mensch braucht auch keine Vorräte für die nächsten zwanzig Jahre. Es reicht doch völlig, wenn man für lediglich zehn Jahre im Voraus plant - das setzt nicht nur Ressourcen frei, sondern schafft einem zudem wieder wunderbare Freiflächen. Und wenn man sich mal überlegt, wieviel Gigabyte unnützem Plunders einem die Festplatten zumüllen, da kann man sich auch nur noch wundern. Es ist daher überaus sinnvoll, sich von allem Überflüssigen zu lösen, was einem teils schon seit Jahren die Kanäle verstopft hält. Deshalb habe ich zum Beispiel erst heute morgen wieder mein Betriebssystem von einer Menge brachliegender Programme befreit und konnte damit knappe zehn GB Unabhängigkeit zurückgewinnen. Und das ist erst der Anfang. Denn das Gebot der Stunde lautet weiterhin "Alles muss raus!"

*Regionale Mundart, besonders im Rheinland

14.08.2026 / 08:21