Der frühe Vogel schläft nur schlecht
Entsprächen die bekannten Redewendungen alle der Wahrheit, dann müsste ich mir spätestens jetzt ziemliche Gedanken machen. Da man nämlich sagt, ein gutes Gewissen wäre ein sanftes Ruhekissen, kann eine aktive Schlafstörung ja eigentlich nur das Gegenteil bedeuten. Was aber, wenn man überhaupt nichts verbrochen hat und trotzdem schlecht schläft? Das ist im Grunde genommen das Gleiche, als wenn du dir deinen Hausarzt mit deiner Familie teilst, was aufgrund einer toxischen Schwester zu einem großen Problem werden kann. Denn sobald es zu einer Verwerfung mit dieser kommt und deine Schwester dem Arzt gegenüber die Opferkarte ausspielt, stehst du selber ungewollt dumm da. Der Arzt, der eigentlich an seinen Eid gebunden sein sollte, wird dich nämlich künftig wie den letzten Dreck behandeln und deine Beschwerden nicht nur nicht ernst nehmen, sondern dich insgesamt wie Luft behandeln. Wenn du dich dann aufgrund deiner kleinstädtischen Wohnlage außer Stande siehst, eine neue Vertrauensperson zu finden, wirst du dich ganz auf dich selber verlassen müssen. In Zeiten von Dr. Google, wo erste Diagnosen nur einen Mausklick entfernt zu sein scheinen, kann man sich zunächst zwar schon noch irgendwie über Wasser halten. Aber selbst der beste Wille ersetzt nun mal nicht den Blick hinein und das könnte sich irgendwann rächen.
Nun ist es jedoch so, dass ich ja derzeit ohnehin nicht einfach so zu einer Untersuchung gehen könnte, selbst wenn ich einen neuen Arzt gefunden haben sollte. Daher gebe ich momentan wirklich alles, um meinen Körper so stabil wie nur irgend möglich zu halten. Das bedeutet für mich vor allem, dass ich auch dann etwas esse, wenn mir der Appetit dazu eigentlich fehlt. Allerdings lebe ich zumeist von der Hand in den Mund, da ich meine Nahrung üblicherweise am Computer zu mir nehme. Gesund ist das nicht und ich habe nicht selten mit undefinierbaren Bauchschmerzen zu kämpfen. Sollten diese mich dann auch noch tagelang über Gebühr quälen, komme ich schneller in gewisse Sorgen, als mir lieb ist. Was mache ich eigentlich, wenn ich jetzt ernsthaft krank werde? Da tröstet mich nur, dass mein Leben schon so häufig auf der Kippe stand, dass ich allmählich ein Muster dahinter vermute.
Das Schlimmste, was ich diesbezüglich je durchmachen musste, war eine schwere Blutvergiftung, die fast nicht erkannt worden wäre. Zu dieser Zeit arbeitete ich noch bei meinen Eltern in der Wäscherei und mir ging es damals bereits seit Tagen ziemlich übel. Aber erst, nachdem ich fast zusammengebrochen wäre, sprach mein Bruder meinen Eltern gegenüber ein Machtwort und ich durfte endlich nach Hause gehen. Er hat damit mein Leben gerettet, da ich mich am nächsten Tag sofort ins Krankenhaus begab. Dort wurde nach einer langwierigen Spurensuche zum Glück eine heftige Urosepsis erkannt, welche ich mir durch eine verschleppte Harnwegsinfektion eingehandelt hatte. Da ich schon von Kindheit an unter einer massiven Blasenschwäche leide und damals auch schon lange genug mit häufigen Unterleibsschmerzen zu kämpfen hatte, war ich diesen Zeichen gegenüber leider blind geworden. Heute höre ich meinem Körper aufmerksamer zu und er spricht viel mit mir. Und das ist fast genauso schön, wie ein unerwartetes Zeichen der Zustimmung, welches man noch vor Mitternacht erhält. Es fühlt sich nämlich wie Vertrauen an und das macht Hoffnung. Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass meine eigene Zuversicht sich ebenfalls wieder stabilisiert und ich nicht mehr hinter jedem netten Wort eine Falle vermute. Man soll nämlich nicht glauben, dass mich das nicht schmerzen würde. Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute ich in meinem Leben schon vor den Kopf gestoßen habe, weil mich meine schlechten Erfahrungen nur noch Verrat vermuten ließen. Besonders traurig finde ich diesem Zusammenhang, dass wir alle um mich betrogen wurden, da ich nie sein durfte, wie ich wirklich bin. Wenn also jemand zunächst glaubte, er hätte es bei mir möglicherweise mit einer falschen Schlange oder einer sonstigen Fragwürdigkeit zu tun, dann verstehe ich das vollkommen. Ich hatte ja selber eine ewig lange Zeit genau davor die größte Angst. Dabei habe ich mir zu keiner Zeit etwas in dieser Richtung zuschulden kommen lassen. Das ist fast so, als wenn sich die Deutschen einen Schuldkomplex einreden lassen, den sie niemals hätten tragen sollen. Am Ende nützt so etwas nämlich immer nur denen, die nichts auf der Welt so sehr lieben, wie den eigenen Vorteil. Aber das ist schon wieder eine andere Kiste. Daher mache ich nun den Deckel auf meine nachdenkliche Kurzschlafgeschichte und gönne meinen Augen noch etwas Schonung.
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23.08.2026 / 04:46