Ein Birnbaum in meinem Garten steht

Es hat sich vermutlich bereits herumgesprochen, dass die Tage wieder kürzer werden. Und auch das Wetter lässt einem inzwischen keine Ausreden mehr durchgehen, wenn es um die Erledigung der zwingend erforderlichen Arbeiten im Garten geht. Denn man ist schneller eingewachsen, als einem lieb sein kann und leider geht es dabei nur selten um Rosen. Vielmehr macht sich schon seit Jahren der Efeu in meinem Garten breit und zwar in allen Farben und Formen. Gewiss würde sich über die Schönheit dieses giftigen Schlinggewächses eine wunderbare Bachelorarbeit verfassen lassen, was zumindest der Würde einer viralen, jungen Blondine zuträglicher gewesen wäre, als sie es mit ihrem tatsächlichen Thema erreichen konnte. Denn diese geistert derzeit mit einigen Clips durchs Netz, in welchen sie die staunende Gemeinde über ihre Recherchen informiert, welchen sie im Zuge der ihr von ihrem Professor auferlegten Thesis nachgehen musste. Und zwar sollte jene junge Dame über die Ästhetik des menschlichen Hodens referieren und daher suchte sie unlängst nach zehn männlichen Probanden mit offener Hose und offenem Geist. Von jenen benötigte sie nämlich die Bereitschaft, sich im Genitalbereich von ihr fotografieren zu lassen, was zu interessanten Postings ihrerseits über die entsprechenden Reaktionen führte. Man darf sich nicht wundern, wenn man für eine Aktion in diesem Segment mit gewissen negativen oder spöttischen Bemerkungen bedacht wird und auch ich konnte mich nicht so ganz zurückhalten. Denn ehrlich gesagt dachte ich mir beim Zuhören immer nur so "Kann es sein, dass du dumm bist?", was nicht nur eine ernstgemeinte Frage darstellt, sondern auch der Titel eines Liedes der jungen Band "Das Lumpenpack" ist. Im Nachhinein ging mir aber ein weiterer Song durch den Kopf und diesen Schlager kennt natürlich auch längst jeder: "Warum hast du nicht nein gesagt?" Wenn mein Professor das nämlich von mir verlangt hätte, dann wäre jener unglaublich miese Vogel längst um einen Kopf kürzer. Und sein Gesicht hätte ich ebenfalls nicht verschont, allerdings natürlich nur im übertragenen Sinn.
Da ich jedoch durch meinen Besitz seit dreizehn Jahren nicht nur eine Hausbewohnerin sondern eben auch Garteninhaberin bin, bleibt mir nur sehr wenig Zeit für solch einen Unsinn. Aber man erkennt an diesen unglaublichen Anekdoten den Zeitgeist im Reinformat und das ist eine richtig traurige Angelegenheit. Denn eigentlich braucht man sich über die vorherrschende Dummheit nicht zu wundern, wenn es solche Lehrkörper und deren entsprechende Schüler gibt. Ich wünsche mir daher von meinen Mitmenschen, dass sich wieder etwas mehr um die Ausarbeitung praktischer Fähigkeiten gekümmert wird. Denn sonst werden solche Familien, wie die liebenswerten Betreiber einer ungefähren Wissenschaft in naher Zukunft eine noch rühmlichere Ausnahme darstellen, als sie es ohnehin schon sind. Man darf sich dort nämlich über einen Onkel freuen, dessen handwerkliches Geschick mutmaßlich nicht den kleinsten Wunsch offen zu lassen scheint (der baut dir einfach alles, heißt es). Daher wird er von den Mitgliedern seiner Familie so sehr geliebt, dass man ihn zum Protagonisten einer neuen, wundervollen Erklär-Video-Reihe machte und das ist in meinen Augen das größte Kompliment überhaupt. Frappierende Ähnlichkeiten mit einem überaus berühmten Namensvetter jenes liebenswerten Universalgenies machen diese ansprechenden Arbeiten für mich allerdings auf eine Weise interessant, die sich anderen Zuschauern vermutlich entziehen dürfte (obwohl - weiß man’s?). Denn man sagt ja nicht ohne Grund "Wo die Liebe hinfällt, da fällt sie eben hin" und das ist auch gut so. Denn selbst wenn jener ruhmvolle Tausendsassa von Zuneigung bis heute nur so überschüttet wird und meiner Gefühle nicht im Geringsten bedarf, so trage ich diese doch in mir. Schließlich ist auch das längst bekannt: "Was der Mensch denkt und was der Mensch träumt, das gewinnt Gewalt über ihn. Was einmal in die Seele gefallen, das wirkt lebendig darin fort - erhebend oder zerstörend." Es gibt nun mal Menschen, die man nur aus der Ferne bewundern darf und diese sind wie unerreichbare Leuchttürme. Einerseits schmerzt dies Erkenntnis tief. Andererseits gibt es jedoch Arten von innerlicher Verbundenheit, die unabhängig davon existieren. Und wenn man eins darüber sagen kann, dann ist es die Freude über das eigene Wachstum, das durch jenen Menschen überhaupt erst ausgelöst werden konnte. Vielleicht muss so jemand wie er ein Mythos bleiben, wer weiß das schon? Die Hauptsache ist doch letztlich, dass man demjenigen sein Lebensglück von Herzen gönnen kann und das tue ich aufrichtig gern. Meine größte Freude ist nämlich schon immer gewesen, diesen beliebten Mann so richtig fröhlich, temperamentvoll und vollkommen lebendig zu sehen. Scheiß die Wand an.
Meine Familie findet ja bekanntermaßen auf einer anderen Ebene statt, denn als alleinstehender Mensch bin ich umso stärker mit der geistigen Welt verbunden. Auch mit den Geschöpfen des Gartens habe ich meinen Frieden längst fest etabliert, was mir derzeit ganz besonders um meinen Birnbaum herum nur recht sein kann. Denn jener hat sich in diesem Jahr zu einem verstärkten Hotspot einer kleinen Kolonie wohlgenährter Hornissen entwickelt, welche völlig unbeschwert mit mir, meinem Hund und allen anderen Gartenbewohnern ihre Zeit verleben. Nur die Wespen haben die Flucht ergriffen, aber das ist kein allzu großer Verlust für mich. Man lebt zwar auch mit diesen immer in respektvoller Nachbarschaft, aber die Hornissen sind nicht nur deutlich friedfertiger uns gegenüber, sondern ich finde sie zudem auch viel schöner anzusehen. Wenn also die Birnen als Fallobst unter dem Baum zu einem Festmahl laden, dann darf ich mir sicher sein, dass die anwesenden Gäste sich durch mein liebes Männlein nicht sonderlich stören lassen. Auch ich selber war bisher noch zu keiner Zeit in Gefahr, denn selbstverständlich lasse ich das Obst trotzdem nur ungerne auf dem Boden liegend vergammeln. Aber das hängt mit den Ameisen zusammen und ist zudem auch der Tatsache geschuldet, dass es dem Boden insgesamt nicht so gut bekommen würde. Daher habe ich derzeit besonders an den Sonntagen immer etwas mehr im Garten zu tun, als es ohnehin stets der Fall ist. Bei uns wird nämlich Montags in aller Frühe (06:00 - 06:30) die Biotonne geleert und das darf ich bei den Mengen an Fallobst, die es zu entsorgen gilt, auf keinen Fall verpassen.
Allerdings gab es gestern dafür als Belohnung eine doppelte Leibspeise zum Ausgleich für die kräftezehrenden Tätigkeiten. Und zwar hatte ich nicht nur meine geliebten Speckbohnen zu Mittag, sondern es gab auch Bohnen mit Speck bei mir. Und nur derjenigen, der meine persönliche Unterscheidung zwischen beiden nicht kennt, dürfte jetzt ins Kichern verfallen sein.

😂

31.08.2026 / 08:45