Aus der Tiefe wachsen die Blumen
Gegen Angstzustände ist man machtlos, auch wenn die Esoteriker etwas anderes propagieren. Man kann im Zustand einer akuten Panik nicht einfach so tun, als wäre alles in Ordnung und wenn man sich noch so bemüht. Für eine gewisse Zeit habe ich mal versucht, mich innerlich dagegen zu stemmen, indem ich das Gefühl der Aufregung als eine Art von Vorfreude deklarieren wollte. Man kann den eigenen Energiekörper jedoch nicht ewig täuschen. Wenn also mit der Zeit klar wird, dass nichts Gutes in der Realität ankommt, dann fällt die Illusion ganz schnell in sich zusammen. Nun könnte man natürlich meinen, dass dies dann ja auch andersherum funktionieren müsste und die Sorgen ebenfalls mit der Zeit nachlassen würden. Leider ist das jedoch zu kurz gedacht. Denn wer schon als Kind lernen musste, dass es täglich um das nackte Überleben geht, der ist irgendwann auf diesen mentalen Zustand programmiert. Es gibt nun mal leider gewisse Trigger, die wie das Glöckchen des pawlowschen Hundes funktionieren und daher als klassische Konditionierung zu bezeichnen sind.
Ein besonders schlimmer Auslöser für tiefgreifende Angst war bei mir schon immer ein sehr undefinierbares Gefühl der Schuld und das ist wirklich entsetzlich. Verdient habe ich es nämlich nicht, denn auch ich habe um meine Geburt nicht gebeten. Wohlmeinende, spirituelle Schwurbler behaupten zwar ständig, man würde sich seine Familie schon vorher aussuchen, aber das halte ich für ausgemachten und gefährlichen Blödsinn. In meinen Augen stellen solche Behaupten nur das Problem auf den Kopf und sind somit eine reine Täter-Opfer-Umkehr. Wenn meine Mutter mir also sagte, dass sie mit mir schwanger werden musste, weil mein Vater sie sonst nicht geheiratet hätte, dann war dies schlicht eine Gemeinheit ihrerseits und sonst gar nichts. Die Verantwortung für das Elend der gesamten Familie habe ich trotzdem viel zu lange auf meinen schmalen Schultern getragen. Denn ich dachte ja immer, dass es diese ohne mich gar nicht gäbe und ich somit Schuld wäre am Leid aller Beteiligten. Da ich es zudem gewagt hatte, mich lediglich als Tochter zu materialisieren, obwohl mein Vater natürlich lieber der Tradition entsprechend einen Sohn als erstgeborenes Kind gehabt hätte, machte dies alles für mich umso schwieriger.
Meine aktuelle Situation birgt nun ebenfalls viel Potential für Selbstvorwürfe und ich habe diese leider sehr lange unreflektiert hingenommen. Allerdings war ich schon immer so veranlagt, dass mich auch andere Sichtweisen interessieren. Mein Unterbewusstsein arbeitet diesbezüglich sogar schon seit Längerem sehr gut mit mir zusammen. Und daher konnte ich dieses Problem überhaupt erst erkennen. Nachdem ich mir nun also sehr eindringlich die Strategie meines bisherigen Handels vor Augen führte, kam ich zu dem Schluss, dass ich im Grunde genommen nichts wirklich falsch gemacht habe. Es gibt da nämlich etwas, das man sehr gerne zum eigenen Schaden ausblendet. Und zwar kann man die Wirkung seines Handels eigentlich immer erst am Ende vollständig beurteilen, was ja normal ist. Man hat zudem nicht den geringsten Einfluss auf den Lauf der Dinge, die außerhalb von einem selbst liegen, daher kann man gar nicht alles kontrollieren. Und ob ich meine Ressourcen nun auf die eine oder auf die andere Weise eingesetzt hätte: Am Ende wären sie trotzdem verbraucht. Das bleibt schließlich nicht aus, wenn man davon leben muss. Dass zudem die Angst vor dem Zugriff anderer auf meine Taler eine mich stark antreibende Kraft darstellt, braucht man in diesen Zeiten nicht groß zu erklären. Denn dass unser Staatsapparat nach allem verlangt, was uns klein und ihn groß hält, sollte inzwischen bekannt sein. Heute würde ich trotzdem einiges anders machen, aber das geht wohl jedem so. Wenn ich mir nun also meine Gedanken mache, wie es finanziell für mich weitergehen soll, dann kann ich momentan nur mit einem resignierten Schulterzucken antworten. Ich glaube jedoch nicht, dass ich damit alleine bin. Zum Abschluss möchte ich daher nun einen Lieblingsspruch meines jüngeren Ichs zitieren und werde damit den Bogen zur diesmal gewählten Überschrift schlagen:
"Die Zeit liegt immer zwischen Höhen und Tiefen. Doch merke: Aus der Tiefe wachsen die Blumen!"
26.08.2026 / 07:47