Mittendrin statt nur dabei

Durch meine Familiensituation wurde ich schon in jungen Jahren zu einer unerwünschten Außenseiterin. Eine meiner tiefsten Sehnsüchte war daher neben dem heftigen Verlangen nach wechselseitiger Liebe die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Leider ging dieser Wunsch für mich, die sich nun als süße Sechzigjährige bezeichnet, bisher nicht wirklich in Erfüllung - sowie sich auch die Liebe weiterhin in unerreichbarer Ferne befindet. Allerdings musste ich speziell während der vergangenen acht bis zehn Jahre durch mehrere tiefgreifende Transformationen gehen, wodurch sich besonders meine Bedürfnisse teils extrem von meinem früheren Ich unterscheiden. Da ich nämlich ganz langsam, aber sicher den Respekt vor den meisten Menschen verloren habe, bin ich inzwischen über meine isolierte Situation gar nicht mehr ganz so unglücklich. Und auch das Verlangen nach einem Partner, der mir liebevoll zur Seite steht, wurde inzwischen mit einer umfassenden Ernüchterung durchtränkt. Hätte ich nicht im Laufe der Zeit die Kraft entwickelt, mich selbst zu tragen, dann gäbe es mich allerdings längst nicht mehr und das ist symptomatisch für unsere kaltherzige Gesellschaft. Denn leider ging es während der vergangenen Jahre mehr als einmal förmlich um Leben und Tod, was ich nur im Gedanken an die lieben Hundekinder überwinden konnte. Alle Macht dem Geld, das ist leider kein Slogan einer durchgeknallten Werbekampagne, sondern die bittere Realität unserer längst nicht mehr so erfolgreichen Menschheitsgeschichte. Ich will nun jedoch keine Referat über die teuflischen Auswüchse eines ungebändigten Kapitalismus verfassen, obwohl es dazu sicherlich sehr viel zu sagen gäbe. Allein schon die Tatsache, dass Abermillionen leerer Plastikflaschen in Ländern wie Indien oder Pakistan inzwischen zu einer massiven Umweltverschmutzung geführt haben, bereitet nicht nur mir die größten Kopfschmerzen. Wenn man in den diversen Lost-Place-Dokumentationen die teils absurden Berge von zurückgelassenem Krimskrams sieht, dann macht man sich über den Nutzen einer ausgeuferten Produktionsmentalität nämlich mehr als nur einen Gedanken.
In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Situation, welche ich als Kind erlebte und in welcher ich schier fassungslos im Supermarkt den ganzen Überfluss realisierte: "Wer soll das alles essen?" Ich denke daher, dass meine Seele schon sehr alt ist und bereits viel gesehen hat. Anders kann ich mir auch nicht erklären, woher meine scharfen Instinkte kommen sollen, wenn nicht aus früherem Erleben. Ich bin nun also schon länger an diesem "Point of no return" und das ist für mein stark vereinsamtes Herz nicht unbedingt die beste Ausgangslage. Es gibt Tage in meinem Leben, da ist mein Spiegelbild das einzige menschliche Gesicht, das ich zu sehen bekomme. Und hätte ich nicht diesen süßen, kleinen Spackel* an meiner Seite, dann würden meine Selbstgespräche noch deutlicher in den Vordergrund treten. Deshalb freut es mich umso mehr, dass es mir tatsächlich gelungen ist, mich zumindest im Internet auf meiner Lieblingsplattform mit gleichgesinnten Menschen zu verbinden. Immerhin habe ich nun etwas im kleinen Rahmen geschafft, wovon ich noch vor acht Jahren nur sehnsüchtig träumen konnte. Denn ich bin auf diese Weise tatsächlich irgendwie auch mal mittendrin im Geschehen und nicht nur eine weitere, unsichtbare Randnotiz. Wie ich allerdings mit meinem großen Wunsch nach liebevoller Zweisamkeit umgehen soll, bleibt mir weiterhin ein Rätsel und dieses macht mir das Herz tagtäglich schwerer. Zumindest um die mangelnden Schmerzen in meinem Körper brauche ich mich jedoch nicht zu sorgen, denn davon habe ich tatsächlich ein absolutes Übermaß. Umschläge mit einem warmen Menschenkörper könnten mir sicherlich helfen, aber das ist vermutlich zu viel verlangt. Allmählich frage ich mich ohnehin, wofür ich so stark werden sollte. Was will Gott eigentlich von mir, beziehungsweise die Matrix oder das Allumfassende? Man weiß es nicht und irgendwie beschleicht mich das Gefühl, das alles völlig umsonst war. Niemand braucht mich, niemand will mich - bin ich denn so wenig liebenswert? Oder hängt mein Herz nur an der falschen Person und blockiert mir dadurch unbewusst den echten Segen? Leider habe ich niemanden, mit dem ich darüber reden könnte, deshalb erzähle ich es nun euch allen. Resonanz werde ich dadurch zwar nicht erhalten, aber es nimmt mir ein wenig den Druck von der Seele. Derzeit fühlt es sich für mich nämlich so an, als ob ich unter der Last meiner inneren Not und der daraus resultierenden Verzweiflung ersticken müsste.


*Eine sehr gelungene Mischung aus Spitz und Dackel mit den besten Eigenschaften beider Rassen, ohne die schlechten Aspekte zu verkörpern. Im Grunde bin ich ein ebensolches Wesen, da selbst meine ignoranten Eltern ihre guten Seiten hatten.

12.08.2026 / 10:12