Und mach ein anderes Gesicht

Im Rahmen meiner Selbstreflexion (ja, dieses Wort wird laut Duden tatsächlich leider mit einem "X" geschrieben, auch wenn es dadurch irgendwie doof aussieht und obwohl das zugehörige Verb reflektieren heißt) komme ich immer häufiger zu der Frage "Wie konnte dieses Kind jemals seinen Vater lieben?", aber natürlich kennt man die Antwort irgendwie schon. Zum einen hat dies natürlich die entsprechenden psychologischen Hintergründe. Denn da wäre zunächst der Überlebensinstinkt: In akuter Lebensgefahr schaltet das Gehirn auf Anpassung, um Aggressionen des Täters zu vermeiden und die eigene Sicherheit zu erhöhen. Des Weiteren wäre da der Verlust der Kontrolle, denn völlig von den Peinigern abhängige Opfer unterwerfen sich psychologisch und suchen Nähe beim Täter. Und dann wäre da auch noch das Problem der kognitiven Dissonanz: Um die unerträgliche Situation auszuhalten, passen die Opfer ihr Weltbild an und werten den Täter innerlich auf, statt ihn als reinen Feind zu sehen. (Stockholm-Syndrom, Quelle: Google)
Dies alles wiegt umso schwerer, wenn es sich um missbrauchte Kinder handelt. Bei uns kam zudem noch hinzu, dass unser Vater ein sehr schöner Mann war und sich außerdem stets mit einem gewissen Heldennimbus umgab. Wenn dieser Mensch aus dem Nähkästchen plauderte, dann war er in seiner Retrospektion immer der unbezwingbare Kämpfer für Recht und Ordnung. Zudem besaß er dieses gewisse Talent, uns besonders am sonntäglichen Frühstückstisch mit Scherzen und lustigen Anekdoten zu unterhalten. Dass diese Angewohnheit allerdings fast jedes Mal zuverlässig das eifersüchtige Biest in unserer Mutter erweckte und diese dann stets einen gewaltigen Streit vom Zaun brach, ließ unsere Bindung an den Vater nur noch wachsen. Er war eben der "Gute", der uns nur beschützen wollte und unsere Mutter war das hemmungslos keifende Monster, das zu verabscheuen war. Sie selber hat sich in solchen Momenten jeweils gerne als missbrauchte Gebärmaschine bezeichnet, die unserem Vater lediglich zu seiner Brut verholfen hätte und nun unter unser aller Lieblosigkeit leiden müsste.
Es war also wenig gemütlich bei uns, weshalb wir immer auch ein gewisses Mitleid mit dem Papa hatten. Weil unsere schwer alkoholkranke Mutter außerdem ein in sich furchtbar zerrissenes Wesen verkörperte, war es die starke Autorität unseres Vaters, die unserem Leben den Anschein von Struktur und Stabilität verlieh. Daher haben wir ihm stets blind gehorcht. In meiner Funktion als Älteste und aufgrund meiner empathischen Natur lag es zudem jeweils an mir, die Wogen zu glätten oder in sonstiger Weise einen friedenstiftenden Ausgleich zu bewirken. Ich musste daher schon sehr früh lernen, meinem inneren Radar zu vertrauen und die Zeichen der Zeit stets entsprechend zu deuten. Das kann ganz schön belastend sein. Dieser Umstand ist auch der Grund, weshalb ich heute davon rede, dass die Verantwortung für das Heil der gesamten Familie auf meinen Schultern lag. Denn wenn es mir nicht gelang, speziell die Mutter zu deeskalieren, dann hatten wir alle unter ihren Ausbrüchen zu leiden. Daher durfte ich mich auch nie gegen ihre Willkür zur Wehr setzen, um sie nicht noch zusätzlich zu provozieren. Mein Vater hat in solchen Momenten stets an meine Vernunft appelliert, da er häufig genug bemerkte, wie mir dies zu viel wurde. Denn da auch ich nur ein Mensch bin, gelang es mir oft nicht wirklich, meinen Unmut zu verstecken. Und das führte üblicherweise dazu, dass sich bei unserem Vater erst diese berüchtigte, steile Falte über der Nasenwurzel bildete. Dann folgte der gefürchtete böse Blick und mit diesem Ausdruck im Gesicht blaffte er mich jeweils in bekannter Manier an: "Reiß dich zusammen - UND MACH EIN ANDERES GESICHT!" * (gerne begleitet von einer leisen Handbewegung, die einen subtilen Schlag andeutet).
Ich war ein todunglückliches Kind...

 

* Die Mutter übernahm jene wirksamen Worte damals überaus freudig  in ihr eigens Repertoire und machte mir das Leben dadurch noch mal zusätzlich schwer. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

20.08.2026 / 09:03