Isolation war die Rettung

Wer schon seit so langer Zeit alleine sein muss, wie es bei mir der Fall ist, der gerät häufiger mal an seine Grenzen. Im Vergleich zu meiner langen Einsamkeit während einer zwanzigjährigen Zeit in einem Hochhaus-Apartment erinnert mich meine derzeitige Lebenssituation jedoch wesentlich stärker an eine Robinsonade, als es in jenem der Fall war. Ich bin nämlich im Gegensatz zu früheren Tagen nicht nur nahezu völlig auf das angewiesen, was ich um mich herum vorfinde (Werkzeugschuppen, Sperrmüll, Lebensmittelrettung und/oder Wocheneinkauf im Discounter, etc.). Auch das Fehlen von menschlicher Gesellschaft konnte ich im Hochhaus irgendwie besser kompensieren, als es mir in der Abgeschiedenheit meines derzeitigen Wohnortes gegeben ist. Denn mein altes Häuschen liegt zwar direkt an einer sehr belebten Zufahrtsstraße, welche zwei Ortschaften miteinander verbindet. Sie stellt zudem den einzig möglichen Weg in ein kleines Gewerbegebiet dar. Auch der Busverkehr ist auf diese sehr stark frequentierte Straße angewiesen, daher ist zumindest verkehrstechnisch tagsüber immer was los bei uns. Allerdings liegt mein Zuhause ziemlich am Rande des Dorfes und stellt gleichzeitig irgendwie auch die Stadtgrenze dar. Daher kann man mit Fug und Recht behaupten, dass bei uns das kulturelle Leben überhaupt kein Thema ist (da es nicht stattfindet). Aber immerhin haben wir einen Kroaten um die Ecke und dieser ist perfide genug, die aus der Küche strömenden Düfte über einen Ventilator in der gesamten Nachbarschaft zu verteilen. Man könnte das als Körperverletzung bezeichnen. Allerdings verging mir der Appetit bei meinem letzten Besuch in diesem Haus, was auch mit schlechtem Essen zu tun hatte und das ist dann kein so gutes Zeugnis mehr. Nachdem wir nämlich Ende Oktober 23 die Urne unseres Vaters auf ihrem Weg in die Erde begleitet hatten, kehrten wir zu dritt für eine letzte Gedenkmahlzeit dort ein. Da saß ich dann also mit meiner Schwester und ihrem schmutzigen Partner, was schon vom Anblick her keine allzu besonders große Freude war. Da mir zudem das Fleisch nur halb durchgegart und meine geliebten Speckbohnen regelrecht matschig serviert wurden, war dieser Laden für mich in mehrfacher Hinsicht gestorben. (Essen gehen war bisher jedoch ohnehin nie wirklich meins, aber das nur am Rande.)
Allerdings will ich mich nicht in einer wie auch immer gearteten Klage ergehen, denn dafür ist mir meine Zeit zu kostbar. Mir geht es vielmehr darum aufzuzeigen, weshalb sich meine Trauer über die Einsamkeit üblicherweise in gewissen Grenzen hält. Es lässt sich zwar nicht leugnen, dass ich noch oft genug an ihr zu knabbern habe. Wenn ich mir jedoch vor Augen führe, was mir die mangelnde Teilhabe am gesellschaftlichen Leben mittlerweile für einen Irrsinn ersparte, dann wird mein Herz jedes Mal wieder froh. Immerhin wird mich ein möglicher Verlust des "guten Lebens" weniger treffen als es bei denen der Fall ist, die ihren Wohlstand bisher für selbstverständlich hielten. Und wir werden uns damit abfinden müssen, dass die goldenen Jahre vorbei sind, das dürfte mittlerweile bei vielen angekommen sein. Vielleicht bin ich deshalb sogar dann fröhlich, wenn ich weinen muss. Die guten Seiten von allem zu sehen, obwohl die Lage zunächst beschissen erscheint, war allerdings schon während meiner trostlosen Kindheit der entscheidende Rettungsanker, der mir das (mentale) Überleben sicherte. Daher fällt es mir heute auch grundsätzlich leichter als vielen anderen Menschen, mich auf Schwierigkeiten einzustellen und darüber bin ich wirklich dankbar. Als beispielsweise im letzten Jahr (oder war es das Jahr davor?) meine Waschmaschine ihren Geist aufgab, da stand der Erwerb einer Nachfolgerin ganz und gar außer Frage. Das hing jedoch nicht nur mit meinen begrenzten Ressourcen zusammen, sondern war auch einem Problem geschuldet, welches vielen (alleinstehenden) Menschen bekannt sein dürfte: Wie entsorgt man defekte Haushaltsgeräte? Als mein Bruder noch lebte, fuhren wir mit dem Auto zum Wertstoffhof und entsorgten dort unser Zeug. Aber lang ist es her und daher steht nun schon seit Jahren eine weitere ausgemusterte Waschmaschine im Hof, sodass ich derzeit zwei kaputte Geräte zum Verschrotten habe. Daher wasche ich meine Wäsche längst von Hand im Eimer und das ist absolut kein Zuckerschlecken (was besonders beim Auswringen ins Gewicht fällt). Ich habe jedoch inzwischen festgestellt, dass die Wäsche sich insgesamt besser hält, da sie durch meine Hände eine größere Sanftheit erfährt als die Maschine es je könnte. Und das ist die angenehme Seite der Medaille. Ich kann es mir zudem leisten, jeweils sofort tätig zu werden, da ich nicht erst eine bestimmte Menge sammeln muss (damit es sich lohnt). Mir kommt es inzwischen sogar so vor, als ob ich selber dadurch auch immer frischer geworden wäre und das kann man eigentlich ebenfalls nur als Gewinn bezeichnen. Für die Reinigung der großen Stücke hätte ich allerdings trotzdem gerne wieder ein Gerät, das gebe ich unumwunden zu. Etwas mehr Gesellschaft zu haben wäre ebenfalls schön, aber neue Menschen zu finden kommt einem heutzutage fast schon so vor wie russisches Roulette. Zumindest empfand ich die Polarisierung der Gesellschaft noch nie schlimmer als jetzt. Denn wer einen so augenscheinlich liebenswerten Menschen wie den Ulrich Siegmund von der AfD als den gefährlichsten Mann Deutschlands bezeichnet, dem fehlt es vermutlich ganz stark an einer gewissen Lebensfreude. Schämt euch, sage ich da nur und ich freue mich, nicht in eurer Gegenwart sein zu müssen. Da ist sogar mein Alleinsein schöner und auf solche Menschen verzichte ich weiterhin dankend.

15.08.2026 / 08:56