Heute hü und morgen hott
Wenn man bei einer Mutter aufwächst, die ständig ihre Meinung ändert, widersprüchliche Anweisungen gibt oder planlos hin und her springt, dann kann man nur schlecht ein Gefühl von Stabilität entwickeln. Noch problematischer wird es, wenn sämtliche Reaktionen deinerseits zu Beschimpfungen, Bestrafungen, Demütigungen und Ausgrenzung führen. Denn dein Selbstwertgefühl wird sich vermutlich nicht unbedingt in Richtung gesunder Größe entwickeln, sodass du im Grunde genommen irgendwann nur noch ein krasses Wunder herbeisehnst. Mein damaliger Wunsch könnte trauriger kaum sein und ihn nun zu offenbaren, fällt mir schon ein bisschen schwer. Aber ich will vollkommen ehrlich sein, sonst kann man nicht mal ansatzweise erahnen, durch welche Hölle ich wegen meiner Familie jahrzehntelang gehen musste. Meine Eltern hatten damals eine kleine Wäscherei in Köln-Nippes und an diesem Standort änderte sich auch noch lange Zeit nichts, nachdem wir aus der Großstadt in eine dörflichere Gegend gezogen waren. Ohne groß in die Details gehen zu wollen, ist es wichtig zu wissen, dass wir irgendwann aus unseren Kölner Schulen abgemeldet und in der neuen "Heimat" angemeldet wurden. Da die Betriebszeiten der Firma nun aufgrund von Kunden aus der Gastronomie ständig schwankten, gab es eigentlich keine feste Zeiten, zu denen die Eltern jeweils wieder zu Hause waren. Als Älteste war ich daher für die Betreuung der beiden "Kleinen" zuständig, aber das nur am Rande. Es kam jedoch häufiger vor, dass die Eltern sich sehr stark verspäteten, ohne uns Bescheid zu geben. Wenn deren Heimkehr sich also in außergewöhnlicher Weise verzögerte, habe ich in jenen dunklen Tagen stets inniglich um einen Besuch der Polizei gebetet. Diese würde uns von unserem Elend erlösen, indem sie uns über einen ganz traurigen Unfall informiert und uns zu Vollwaisen erklären müsste, was natürlich leider nie der Fall war. Ich habe meinen Eltern also sehnsüchtig den Tod gewünscht, wobei dieser Wunsch damals eigentlich nur dieses Monster betraf, welches sich in meinem Leben Mutter nannte. Dass mein Vater in diesem Szenario auch hätte geopfert werden müssen, habe ich in den düsteren Tagträumen meiner gequälten Seele bewusst in Kauf genommen, obwohl ich damals noch dachte, ich würde diesen Menschen aufrichtig lieben. Heute weiß ich jedoch, dass wir Kinder aus reinem Selbstschutz im Stockholm-Syndrom feststeckten, denn unser Vater war tatsächlich um keinen Deut besser als seine grausame und streitlustige Ehefrau. Das zu erkennen, hat allerdings Jahre der Vorarbeit benötigt und diesen negativen Umstand anzuerkennen, fällt mir noch immer irgendwie schwer. Am Schlimmsten war für mich lange das Gefühl, meine Herzlichkeit an einen Unwürdigen verschwendet zu haben, was ein diffuses Empfinden von Beschämung in mir auslöste. Da ich jedoch noch unfassbar jung war, als der Ärger für mich bereits zur täglichen Realität wurde und ich mich als Kind ohnehin in einer ohnmächtigen Position befand, habe ich mir meine moralische Verfehlung längst nicht nur verziehen, sondern ich sehe sie gar nicht mehr als eine solche an. Es ist vielmehr so, dass ich es heute umso besser verstehe, je mehr ich mich dem (unbewussten) Zorn über meinen Vater stelle. Was soll man aber auch von einem halten, der dir als Kind dein Weihnachtsmarzipan entwendet, um es sich selbst erst in den Mund zu stecken und darauf herumlutscht, sodass er es dir als breiigen Klumpen wieder zurückgeben kann. Natürlich wurde diese miese Aktion von großer Beschimpfung begleitet, da dass solchermaßen behandelte Kind (also ich) in Tränen ausbrach und er darauf nur höhnisch zischte "Stell dich nicht so an!"
10.08.2026 / 11:20