Wo kämen wir hin

Wir leben in aufregenden Zeiten und es war noch nie einfacher, sich über den Stand der Dinge zu informieren. Man gibt sich von Seiten der Regierung zwar jede erdenkliche Mühe, uns am Denken zu hindern. Aber das klappt natürlich nur mit den Blindschleichen im Land - freundlich gesagt. Denn wer ernsthaft an echten Fakten interessiert ist, der wird auf jeden Fall fündig werden. Es spielt auch keine Rolle, ob man dafür mal etwas tiefer graben muss, da bereits auf dem Weg zu den gesuchten Nachrichten spannende Details völlig anderer Natur liegen können. Und wer gelernt hat, sich zwar gerne auch mal ablenken zu lassen, ohne jedoch sein ursprüngliches Ziel dabei aus den Augen zu verlieren, der kann sein Wissen heutzutage wirklich umfangreich erweitern. Ich finde das ganz wunderbar, da ich schon sehr früh von einem extremen Lerneifer angetrieben wurde. Es ist allerdings eine tragische Angelegenheit, dass ich das bekannte Dilemma des hochbegabten Kindes durchleben musste. Denn wenn der Lehrer etwas Neues erklärte, gehörte ich zu denjenigen, die das schon beim ersten Mal verstanden hatten. Leider war es jedoch damals Usus, dass ein Stoff so lange wiederholt werden musste, bis es auch die letzten Deppen begriffen hatten, was bei Menschen wie mir jeweils zur inneren Abschaltung führte. Das ist doch klar, wer will denn fünf Stunden lang den selben Scheiß durchkauen müssen - erst recht, wenn man diesen bereits beim ersten Mal kapiert hatte? Irgendwann habe ich daher den Anschluss verpasst und jetzt ratet mal, wer am Ende wie ein Dummkopf dastand? Richtig, ich arme Sau musste mal wieder dafür herhalten.
Es liegt in der Natur der Sache, dass ich nicht nur durch diese Erfahrungen bedingt in meinem Wesen ein Mensch wurde, der alles hinterfragen muss. Das gilt auch für mich selbst, daher war das Thema Entscheidungsfreudigkeit in meinem Leben schon immer ein zweischneidiges Schwert. Es ist mir allerdings gelungen, mich trotzdem nicht zu einem Opportunisten zu entwickeln, da ich das Thema Nützlichkeitserwägungen zum Zwecke des persönlichen Vorteils schon damals eher aus der Beobachterposition heraus kannte und als furchtbar abstoßend empfand. Wenn man es nämlich mit einer Person wie meiner Mutter zu tun hatte, die sich selber die Worte im Mund verdrehte, nur um Recht zu behalten, dann kann man auch die Haltung meines unglücklichen Bruders gegenüber Frauen besser verstehen. Denn dieser sagte damals stets "Widersprich nie einer Frau - warte, bis sie es selber tut!". Zu meiner größten Freude gehörte ich jedoch zu den seltenen Menschen weiblicher Natur, die es geschafft hatten, trotzdem seinen Respekt zu genießen. Aber das war bereits bei unserer Schwester schon wieder vorbei für ihn. Und kleine, vor allem blonde Püppchen mit albernem Gekicher auf den Lippen wurden von ihm gerne verächtlich als "Weibchen" tituliert, die im Falle einer Schwangerschaft ihren Nachwuchs jeweils lediglich "geworfen" hatten. Und so sie ihn optisch dann doch ansprachen (was später zur Regel wurde), stellten sie in seinen Augen lediglich ein heißes Gerät dar - davon sollte ich jedoch erst nach seinem Tod erfahren. Heute weiß ich, dass dieser arme Mensch nicht nur in jener Hinsicht ziemlich schwer gestört war und sein Alkoholismus für ihn tatsächlich eine zwingende und  logische Konsequenz darstellte. Aber was kann man schon erwarten, wenn beide Eltern bekloppt gewesen sind.
Mich wundert es daher kaum, dass ich aufgrund meiner eigenen Störung bis heute stets versuche, beide Seiten einer Angelegenheit zu durchleuchten. Ich akzeptiere dafür sogar, auf andere Menschen widersprüchlich wie eine wankelmütige Person zu wirken. Denn ich weiß, dass ich das nicht bin. Ich bin nur sehr sorgfältig, weil Qualität für mich über allem steht. Da bin ich wirklich typisch deutsch drin und das finde ich prima. Und was meine polnischen Wurzeln betrifft, davon erzähle ich euch ein anderes Mal. Wo kämen wir sonst hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin, und keiner ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

02.09.2026 / 11:53