Wie ich den Respekt verlor
Was ich jetzt zu erzählen habe, wird mich ein bisschen Überwindung kosten. Denn ich habe beschlossen, mich tatsächlich auf der mentalen Ebene als langjährigen Dummkopf zu outen. Anders kann man es nämlich kaum nennen, wenn man von meiner früheren Sicht auf die Menschen erfährt. Diese habe ich allerdings nicht unbedingt nur mir selber zu verdanken, das muss ich zu meiner Ehrenrettung kurz vorweg schicken. Es war jedoch tatsächlich leider so, dass ich jahrzehntelang jedem anderen Menschen in meinem Leben mehr Achtung entgegenbrachte, als mir selber. Und das ist im Grunde genommen die Schuld meiner Eltern. Diese hielten uns schon in der Kindheit stets auf ihre unnachahmliche Weise ganz bewusst sehr klein, indem sie sich und die übrigen jeweils extrem erhöhten. Egal was wir taten - alle anderen waren grundsätzlich besser als wir. Ständig bekamen wir leuchtende Beispiele vorgeführt und das hat nicht unbedingt selbstbewusste Menschen aus uns gemacht. Mein armer, lieber Bruder ist letztlich daran zerbrochen und meine strunzdumme Schwester hat leider den bedauernswerten Weg des Gegenteils gewählt. Da diese die lebendige Verkörperung eines ausgeprägten Dunning-Kruger-Effekts ist (selbstbewusstes Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit), kennt man sie nämlich nur als dominate Walküre, die stets mit der Nase nach oben durchs Leben geht. Besonders amüsant ist in diesem Zusammenhang jene kleine Anekdote, bei der die junge Nachbarin von gegenüber mich frug, ob meine Schwester es auch mit dem Rücken hätte (so wie es bei mir der Fall ist). Auf meine Gegenfrage, wie sie denn darauf käme, bekam ich dann zu hören "Weil sie den Kopf so hoch trägt". Meine Antwort war entsprechend auf die Hochmut als Auslöser hinweisend, was zu schallendem Gelächter führte und auch sofort als Wahrheit erkannt wurde. Man merkt es einfach, wenn jemand ausgesprochen eingebildet ist, das ist eine Tatsache. Bei mir selbst konnte sich ja leider über die Jahre das Gegenteil in Form eines heftigen Impostor-Syndroms etablieren (also eine gefühlte Hochstapelei), unter welchem ich fast ebenso zerbrochen wäre wie mein unglücklicher Bruder.
Als ich nun jedoch im Laufe der Zeit erkennen musste, wie wenig Substanz die meisten Menschen in Wahrheit zu bieten haben, da war ich zunächst ganz schön geknickt. Ich wurde zudem von heftiger Scham mir selber gegenüber erfasst und das gehört zu den dunkleren Momenten meines Lebens. Mittlerweile höre ich daher nicht nur sehr genau auf das, was jemand so von sich gibt, sondern ich überprüfe auch sein Handeln gründlich. Wenn nämlich welche meinen, sie kämen bei mir mit lediglich einer Handvoll warmer Worte noch ans Ziel, dann täuschen sich diese Menschen ganz gewaltig. Mir steht zum Beispiel noch immer jene Situation sehr lebendig vor Augen, als es mit meinem kranken Bauch so schlimm wurde, dass eine Operation dringend nötig wurde. Das Problem eines ewig lange offenen Narbenbruchs, bei welchem sich der halbe Darm durch einen Riss in der Bauchwand nach außen gearbeitet hatte und nur noch durch eine glücklicherweise vorhandene Fettschicht und der Haut gehalten wurde, hatte mir das Wesen der Menschen wieder mal sehr deutlich vor Augen geführt. Dass es überhaupt so eskalieren konnte, ist schon der erste Beweis dafür, wie wenig Hilfe mir bei allen anfallenden Arbeiten in jenem alten Haus zuteil wurde, welches ich damals gemeinsam mit meinem Bruder bezogen hatte und das ich heute noch bewohne. "Den Bierkasten trägt der Mann aber in Zukunft selber" - das waren die späteren Worte des behandelnden Arztes nach der Operation. Diese wurde jedoch nur möglich, weil ich es einfach habe drauf ankommen lassen. Ich habe nämlich im letzten Sommer die unmittelbare Nachbarin knallhart dazu "zwangsverpflichtet", meinen kleinen Hundeliebling einige Tage zu versorgen. Dieser konnte sogar in meinem Haus verbleiben und musste auch nur die Hoftüre zum Garten geöffnet bekommen und sein Futter erhalten. Fast hätte jene mir offensichtlich nur vordergründig zugewandte Person dies jedoch abgelehnt (das Zögern war tatsächlich greifbar) und lediglich das Bewusstsein, man könnte dadurch hinter die Maske der Freundlichkeit schauen, hielt sie vermutlich davon ab. Und wenn man jetzt denkt, jemand hätte mich liebenswürdigerweise mal eben schnell ins Krankenhaus gefahren, dann ist man leider ziemlich schief gewickelt. Das von mir anvisierte Marienhospital liegt sogar bei uns im Ort und zwar genau am anderen Ende des Geschehens. Ich musste mich also trotz starker Schmerzen zu Fuss durch das ganze Dorf schleppen, da ich leider nicht genügend Geld für den Luxus eines Taxis hatte. Das war der Moment, in dem ich meinen Respekt verlor. Immerhin brachte man mir später meine bereitstehende Tasche, da ich diese zunächst noch im Haus gelassen hatte. Ich wusste nämlich nicht, ob ich überhaupt aufgenommen werde, aber zum Glück ging dahingehend alles gut. Wenn ich mich heute jedoch mit diesen freundlich lächelnden Gesichtern unterhalte, habe ich immer die dahinterliegende Gleichgültigkeit vor Augen und mich wundert seither wirklich nichts mehr.
Man musste unlängst leider sogar erleben, wie die Nachbarin voller Stolz erzählte, dass ihre Enkelkinder sich auch schon sehr um das Klima sorgen, worauf ich mir innerlich nur noch an den Kopf fasste. Als ich jedoch eine entsprechende Bemerkung zu diesem offensichtlichen Blödsinn machte, bekam ich nur ein reichlich fragendes Gesicht zu sehen und habe die mentalen Segel gestrichen. Man kann eben nicht alle vor der gewollten Verdummung retten, mit der unsere verdorbene Regierung das Volk überzieht. Daher beruhigt es mich umso mehr, dass ein mit mir innerlich verbundener Charakterkopf meine Sorgen offensichtlich teilt. Zumindest hinterließ er mir ein dahingehendes Zeichen, was zugleich eine weitere, traurige Folge der Regierungsmaßnahmen darstellt. Man darf seine Meinung nämlich längst nicht mehr unbefangen und öffentlich verkünden - jedenfalls nicht, wenn diese "normal" ist.
18.08.2026 / 07:43