Kein Herz für den Empathen

Wenn man viel Zeit auf YouTube verbringt, kennt man irgendwann eine ganze Menge interessanter Kanäle und oft auch ihre Betreiber. Da es heutzutage anscheinend ziemlich einfach ist, eigenen Content zu erstellen, sind die meisten dieser Anbieter jedoch ganz gewöhnliche Privatmenschen wie du und ich. Es verhalten sich jedoch nicht alle entsprechend bescheiden, denn manche entwickeln je nach Anzahl ihrer Follower unangenehme Star-Attitüden und das tut natürlich den wenigsten gut. Man konnte schon Personen beobachten, die sich vor der Kamera auf eine Art und Weise gebärdeten, als ob sie direkt aus Hollywood kämen. Das wirkt nicht nur unfassbar albern, sondern lässt sie auf empfindsamere Gemüter zudem überaus abstoßend wirken. Noch peinlicher ist in diesem Zusammenhang die Vergabe von Herzchen, die ich als Währung identifiziert habe und mit welcher man sein Publikum anscheinend entsprechend lenken möchte. Ehrliche Meinungen zu verkünden ist bei solchen Leuten also nicht nur unerwünscht, sondern kann auch zur öffentlichen Beschämung führen. Wenn du nämlich bemerkst, dass alle anderen Kommentatoren vom Kanalbetreiber ein Like erhielten und nur du selber leer ausgegangen bist, dann darfst du das ruhig als stille Zurechtweisung verstehen. In solch einem Fall habe ich allerdings gelernt, mich ebenso still zu entfernen und das stellt dann auch ein entsprechendes Statement dar.
Ein weiteres Problem bei den Semiprofessionellen ist natürlich der fehlenden Background durch mangelnde Ausbildung in dem von ihnen gewählten Bereich. Nicht jeder ist zum Beispiel ein guter Moderator und das lässt sprachlich begleitete Explorationen etwa für den Zuschauer mit der Zeit sehr anstrengend werden. Wenn man im Fall von Lost-Place-Erkundungen beispielsweise zudem noch eine etwas flachere Allgemeinbildung mit im Boot hat, dann kann man sich tatsächlich ganz gut blamieren. Das gleiche gilt natürlich auch für die Menschen vor den Bildschirmen, was sich zumeist in den Kommentarspalten niederschlägt. Hass und Hetze sind natürlich niemals günstig. Aber wer vor allem durch eine schlechte Rechtschreibung besticht oder durch mangelnde Kenntnis der Lage, der könnte ebenfalls etwas abwertend behandelt werden und das gehört dann zu den weniger schönen Seiten der Sozialen Medien.
Dass ich mich zu diesem Thema etwas ausführlicher äußere, hängt mit der Tatsache zusammen, dass ich mittlerweile sehr umtriebig auf den verschiedensten Plattformen unterwegs bin. Man könnte fast vergessen, dass meine Meinung zu den Leuten, die YouTube-Videos kommentieren, in früheren Tagen eine eher abwertende war. "Das Portal der verloren Seelen" nannte ich seinerzeit die Kommentarspalten von Social Media und das hatte durchaus Gründe. Allerdings lag mein Augenmerk zu dieser Zeit tatsächlich mehr auf den teils sehr verstörenden Aussagen einiger verwirrter Menschen in eigentlich ohnehin sonderbaren Kanälen. Das ist ein Phänomen, welches häufiger zu beobachten ist und daher sicherlich jedem bekannt sein dürfte: Wenn man beispielsweise aus welchen Gründen auch immer unerwartet mit etwas Rotem konfrontiert wird, dann sieht man plötzlich überall nur noch rot. Oder Leute mit Becher in der Hand: Nimmst du einen von ihnen bewusst war, dann scheinen auf einmal alle Menschen einen Becher zu halten. Dabei handelt es sich jedoch um einen Trugschluss, der aus dem Fokus resultiert. Inzwischen habe ich nämlich bemerkt, dass eine ganze Menge liebenswerter Menschen mit klaren Ansichten unterwegs sind, die lediglich ihre gesunde Meinung vertreten und ich komme zu meiner eigenen Freude immer häufiger mit diesen in Kontakt.
Für jemanden, der ohne mentale Unterstützung aufwachsen musste, ist das wie eine völlig neue Welt, die sich einem eröffnet. Daher mache ich noch häufig den Fehler, es besonders gut machen zu wollen. Das führt zu teilweise sperrigen Aussagen und leider bin ich in meinen Bemerkungen auch noch immer viel zu ehrlich. Aber da ich für eine unfassbar lange Zeit in meinem Leben überwiegend stumm bleiben musste, habe ich gelernt, dies als eine Art von Lehrzeit zu verstehen. Daher bemühe ich mich stets, nicht so streng mit mir zu sein und auch meine Erwartungen halte ich meistens eher flach. Ich bitte daher recht herzlich darum, von meinem Gegenüber ebenso behandelt zu werden. Übt Nachsicht mit mir, die alles ganz alleine stemmen muss und seht mir auch bitte meine teils unverblümten Äußerungen nach. Dass ich mich nicht mehr verstellen möchte, kann man nämlich auch als Kompliment verstehen. Denn immerhin habe ich inzwischen so viel Vertrauen aufgebaut, dass ich immer häufiger auf Masken verzichten kann. Und was gibt es Schöneres, als diese Form der Freiheit zu erleben? Die hohe Kunst der Diplomatie werde ich mir ja trotzdem mit der Zeit erarbeitet haben, weil ich wirklich viel Spaß habe in der Kommunikation mit anderen und mich daher ganz automatisch an die Gepflogenheiten anpasse.

04.08.2026 / 08:17